Sad-Film-Paradoxon

Wer kennt es nicht? Man hat einfach mal Lust, die Taschentücher rauszuholen und bei einem Film richtig loszuheulen. Dazu werden Filme wie Titanic und Co. bewusst gewählt, um den Emotionen freien Lauf zu lassen. Aber warum machen wir das?

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Die Theorie des Mood Managements sagt uns doch, dass wir Medien rezipieren, um unsere Stimmung beizubehalten oder diese sogar zu steigern. Außerdem sollten dadurch negative Emotionen verbannt werden. Warum wählen wir also absichtlich Filme aus, die uns beispielsweise zum Weinen oder Fürchten bringen?

Die amerikanische Medienforscherin Mary Beth Oliver erklärt dieses Phänomen anhand des „Paradox of the Enjoyment of Sad Films“. Es stellt sich die Frage, warum Menschen freiwillig Medieninhalte, die unangenehme Emotionen wie Trauer, Kummer, Mitleid oder Furcht hervorrufen, sogar mit offensichtlichem Vergnügen rezipieren.

Es gibt zwar einige Theorien (Spannung, Excitaton Transfer, Affective Disposition-Theorie), die erklären, weshalb Zuschauer während der Rezeption kurzfristig unangenehme Zustände ertragen, jedoch nur unter der Prämisse, dass der Film gut endet und dem Protagonisten nichts zustößt.

Das entscheidende Merkmal des „Sad film-Paradoxon“ ist also das Fehlen eines Happy Ends. Es gibt mehrere Autoren, die sich mit diesem Thema befassen und unterschiedliche Theorien zur Erklärung des Rezipierens von traurigen Filmen aufstellen. Einige Autoren sehen eine kathartische Funktion als Grund für die traurige Filmauswahl. Dieser Theorie nach erlebt der Zuschauer eine wohltuende „homöopathische Reinigung“ von negativen Emotionszuständen. Wenn man diese nämlich nicht auslebe, könne es zu Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes führen. Glaubt man dieser Theorie, bieten uns traurige Filme eine gute Möglichkeit sich von all den schlechten Emotionen zu reinigen, die Tag für Tag in uns schlummern.

Oliver (1993) erklärt das Sad film-Paradoxon anhand des Konzepts der Meta-Emotionen. Danach wird zwischen den direkten Emotionen (Reaktion auf situationsspezifische emotionale Reize) und dem Meta-Erleben unterschieden. Die Meta-Ebene interpretiert sozusagen die erlebte direkte Emotion. Da diese zwei Ebenen unabhängig voneinander sind, können direkte Emotionen wie zum Beispiel Trauer in der Meta-Ebene als positiv angesehen werden. Demnach empfindet der Zuschauer das direkte Erleben von Trauer, Schmerz und Mitleid als positive Erfahrung, findet es sozusagen „schön, traurig zu sein“.

Mills (1993) erklärt das Paradoxon anhand der persönlichen Einstellungen des Rezipienten. Wenn ein Zuschauer es für gut und richtig hält, mit anderen mitzufühlen und ihre Trauer zu spüren, dann bewertet er diese Gefühle als positiv. Hierbei wird die Möglichkeit geschaffen, sich selbst als einfühlsamen und empathischen Menschen zu erleben, der die richtigen Gefühle zeigt, obwohl diese für einen selbst negativ sind.

Die Theorie des sozialen Vergleichs lässt ebenfalls eine interessante Interpretation der bewussten traurigen Filmauswahl zu. Hierbei erlangt der Zuschauer Wohlbefinden durch die Stabilisierung seines Selbstbildes. Mit dem Vergleich der Lebenssituation der eigenen Person mit dem Schicksal des Protagonisten können negative emotionale Zustände relativiert werden, indem sich der Rezipient bewusst wird, dass seine eigene Lebenslage nicht so schlimm und dramatisch ist wie die gezeigte Tragödie. Andererseits kann sich der Zuschauer an Lösungswegen des Protagonisten orientieren und sie eventuell für das eigene Leben nutzen.

Ein relativ neuer Ansatz besagt, dass traurige Filme aufgrund des meaningfulness-seekings(Suche nach Bedeutsamkeit) rezipiert werden. Anders als beim pleasure-seeking (Suche nach Vergnügen), das vor allem in der Mood-Management Theorie behandelt wird, liegt die Motivation darin, bedeutsame anstatt nur unterhaltsame Inhalte zu rezipieren. Es soll durch das Erleben von bedeutsamen Geschichten zu einer größeren Selbstbeobachtung kommen, wobei die Suche nach Erkenntnis eventuell gestillt werden kann. Außerdem regen diese Inhalte dazu an, eine tiefere Betrachtung des Lebens vorzunehmen.

Tipp: Trau dich ruhig ein trauriges/dramatisches Drehbuch zu schreiben! Biete den Leuten die Chance, sich auch mal anders unterhalten zu fühlen als immer nur von lustigen oder spannenden Geschichten. Wenn du willst, kannst du eine ganz eigene Form von Unterhaltung schaffen, indem du deine Zuschauer so richtig zum Mitfühlen und Weinen bringst!

Quellen:

Dohle, M. (2011). Unterhaltung durch traurige Filme. Die Bedeutung von Metaemotionen für die Medienrezeption. Köln: von Halem.

Oliver, M. B. (1993). Exploring the paradox of the enjoyment of sad films. Human Communication Research, 19(3), 315-342.

Oliver, M. B., & Raney, A. A. (2011). Entertainment as pleasurable and meaningful: Identifying hedonic and eudaimonic motivations for entertainment consumption. Journal of Communication, 61(5), 984-1004.